Der Gotthard steht in Mailand

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Der Gotthard ist nicht nur ein Alpenübergang, ein Bergmassiv oder ein nationaler Mythos. Er ist auch so etwas wie der Brunnen Europas. Eindrücklich wird das momentan im Schweizer Pavillon der Weltausstellung in Mailand gezeigt. Dort steht ein 20 Tonnen schweres Stück Granit aus dem Tessiner Bezirk Riviera. Mit höchster Präzision wurde aus dem Felsen ein Modell des Gotthardmassivs gefräst. Darüber sind historische Bewässerungskanäle aus Holz angebracht, aus denen Wasser auf den Granitfels fliesst. Eine schöne Installation, die zeigt, wie aus dem Gotthardmassiv die Reuss, der Rhein, die Rhone und der Ticino entspringen und auf dem Weg in die Meere Europa durchqueren und ernähren.

Der Gotthard ist nicht nur das Herz der Schweiz, sondern auch Europas. Die Kombination des Ureuropäischen mit dem Urschweizerischen, die dem Gotthard eigen sind, ist für uns bekanntlich ja nicht immer ganz einfach. Während wir die Wasserflüsse als naturgegeben annehmen, sind die Verkehrsflüsse über und durch das Bergmassiv seit je Gegenstand heftiger politischer Auseinandersetzungen.

Der nächste derartige Kraftakt steht uns bald bevor: Voraussichtlich im Februar 2016 wird das Schweizer Stimmvolk darüber entscheiden, wie der 35 Jahre alte Strassentunnel durch den Gotthard zu sanieren ist. Zur Debatte steht der Bau einer zweiten Röhre, welche die freie Fahrt nach Norden und Süden garantieren soll, während der bestehende Tunnel saniert wird. Nach der Sanierung sollen beide Röhren einspurig befahren werden.

Über das Für und das Wider eines solchen Sanierungstunnels wird mächtig gestritten. Die Befürworter streichen den Zusammenhalt der Schweiz, die Erreichbarkeit des Tessins und den Sicherheitsgewinn hervor. Die Gegner warnen vor Mehrverkehr und Druck aus Brüssel. Wie der Gotthard nicht einfach ein Bergmassiv ist, so ist der Gotthard-Tunnel nicht einfach irgendein Tunnel, der demnächst saniert werden muss. Leider.

Vielleicht sollte der Gotthard-Brunnen Ende Oktober, wenn die Weltausstellung ihre Tore geschlossen hat, samt Bewässerungskanälen von Mailand zurück in die Schweiz verfrachtet werden. Dann könnten sich die vom Abstimmungskampf erhitzen Gemüter an ihm beruhigen – mit kühlem Wasser im Nacken und dem Blick auf das eindrückliche Gotthardmassiv.