Von Unvernünftigen kommt der Fortschritt

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Seit einem Monat bin ich Mitglied eines Querdenker-Clubs. Und ich bin nicht der Einzige. Obwohl erst vor zwei Jahren gegründet, zählt mein Club bereits über 250‘000 Mitglieder. Zugegeben, dem Club beizutreten, ist äusserst einfach: Auf www.querdenker.de lediglich E-Mail-Adresse und Passwort eintragen und man ist dabei. Kosten tut es nichts.

Welchen Nutzen habe ich von einem Club, dem zwar eine unübersichtlich grosse Menge von Menschen angehören, von denen ich aber nicht einen einzigen kenne? Ich könnte ein tolles Magazin abonnieren, an Clubabenden oder Konferenzen teilnehmen oder mich an einer Ideenfabrik beteiligen. Das wäre dann aber nicht mehr gratis. Dafür müsste ich – für 5 Euro pro Monat – Classic-Mitglied werden.

Was nichts kostet, ist nichts wert, könnte man behaupten. Aber wie kann ich den Wert von Informationen bestimmen, ohne die Informationen zu kennen? Willkommen zurück auf dem harten Boden der Realität! Auch das Querdenken hat sich mittlerweile zu einem Business entwickelt. Ein paar schlaue Köpfe verdienen damit bestimmt gutes Geld.

Meine Gratis-Mitgliedschaft war aber trotzdem nicht für nichts. Auf der Website gibt es nämlich eine kostenlose Zitatensammlung mit Aussagen renommierter Querdenker. So ist zum Beispiel von Georg Bernard Shaw zu lesen: «Der vernünftige Mensch passt sich der Welt an; der unvernünftige Mensch versucht, die Welt seinem Wesen anzupassen. Deshalb kommt jeglicher Fortschritt von unvernünftigen Menschen.»

Spannend sind Begegnungen mit echten Querdenkern. Beispielsweise an der letzten Infra-Tagung vom 26. Januar 2012 in Luzern. Dort präsentierte Bertrand Piccard, der Ballon- und Solarflugzeugpilot, den über 700 Besuchern der Schweizer Bauwirtschaft seine Visionen, Ideen und Lösungen zur Nutzung erneuerbarer Ressourcen. Nicht über technische Herausforderungen hat Piccard gesprochen, sondern vor allem über Träume und Emotionen. Und damit alle in seinen Bann gezogen.

Bertrand Piccard ist nicht Mitglied eines Querdenker-Clubs. Über Unkonventionelles braucht er nicht zu lesen. Er tut es einfach. Mit Leib und Seele.