Reden bei 220 km/h

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Wer eine Reise tut, der kann häufig etwas erleben. Und dann bekanntlich auch etwas erzählen. Fern der Heimat, in einem anderen Kulturkreis – ja vielleicht sogar Sprachkreis –sieht man plötzlich ganz andere Dinge und Gepflogenheiten.

Dies ist selbst dann möglich, wenn eine Delegation des Fachverbands Infra mit jungen Strassenbauern nach Leipzig reist, um dort an der Weltmeisterschaft der Berufe teilzunehmen. Die zwei Strassenbauer aus der Schweiz, der 19-jährige Dominic Zähner und der 20-jährige Patrick Bürgin, stellten sich der internationalen Konkurrenz und holten sich mit einer ausgezeichneten Leistung die Bronzemedaille.

Klar gibt es Unterschiede zwischen Deutschland und der Schweiz. Fundamental sind diese jedoch nicht. Dass bei unserem nördlichen Nachbarn aber doch gewisse Dinge anders laufen als bei uns, merkten wir zum Beispiel, als wir einmal ein Taxi bestiegen. Der Fahrer wies uns gleich zu Beginn an, uns doch zu melden, wenn er für unser Empfinden zu schnell fahren sollte…

Berufswettkämpfe sind für junge Fachleute ganz besondere Erlebnisse. «Wir haben in Leipzig enorm viel gelernt», meinte Dominic Zähner rückblickend. Tatsächlich sah man bei den verschiedenen Länder-Teams regelmässig ganz unterschiedliche Vorgehens- und Arbeitsweisen. Das führte nicht nur unter den Wettkampfteilnehmern, sondern auch unter den Experten immer wieder zu spannenden Diskussionen.

Auch wenn im Grundsatz Strassen überall gleich gebaut werden, stecken die Unterschiede gerade in den Details. Wie wird eine Strasse korrekt gebaut? Was ist richtiges Handwerk? Wann und was genau müssen die Experten messen, damit die Qualität der Arbeit richtig wiedergegeben werden kann? Wie hat bei den Randsteinen ein Bogen in eine Gerade überzugehen? Darf man bituminöses Mischgut mit einer Abziehlatte statt mit der Krucke einbauen? Bei einem internationalen Wettkampf müssen solche Fragen diskutiert werden: Es geht um die Bewertung, die Rangliste, den Sieg!

Die deutschen Strassenbauer sprachen kein Wort Französisch, die Franzosen kein Deutsch und Englischkenntnisse waren nur rudimentär vorhanden. So blieb meist nichts anderes übrig, als mit Händen und Füssen und Skizzenblock die Diskussionen zu führen. Diskutiert wurde so lange, bis sich alle mit einer Lösung einverstanden erklären konnten. Zum Erstaunen und zur Zufriedenheit aller lief das ziemlich glatt.

Reden hätte bestimmt auch bei unserem Taxifahrer geholfen. Er bretterte nämlich mit irrwitzigen 220 km/h über die nächtliche Leipziger Autobahn. Etwas zu sagen, getraute sich irgendwie keiner von uns. Ich war dann aber doch froh, dass wir – entgegen meiner Befürchtungen – heil am Ziel ankamen. Reden hätte geholfen, denn reden hilft. Nicht nur unter Berufskollegen, sondern auch mit Taxifahrern.