Plus zwei Wochen

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Pünktlichkeit ist eine typisch schweizerische Eigenschaft. Das wird uns oft dann bewusst, wenn wir im Ausland unterwegs sind. Züge, die nach Fahrplan verkehren, sind in anderen Ländern eher die Ausnahme statt die Regel. Und eine Verspätung dauert nicht 2 oder 3 Minuten, sondern gut und gerne 20 oder 30 Minuten. Hält sich ein Schweizer zwecks Ferien im Ausland auf, mag ihm ein etwas lockerer Umgang mit der Zeit nicht weiter schlimm erscheinen. Er ist ihm manchmal sogar sympathisch. Doch den meisten von uns fällt es trotzdem nicht leicht, die helvetische Versessenheit nach Genauigkeit abzulegen. Sie ist uns, wenn nicht mit den Genen, so doch mindestens mit der Erziehung mitgegeben worden.

Als Volk von Uhrenbauern und Mikrotechnologen wissen wir ganz genau, dass die Pünktlichkeit viele Vorteile bringt. Das gilt vor allem in einer arbeitsteiligen Wirtschaft: Rechtzeitig unterschriebene Verträge machen klar, was zu tun ist. Zum vereinbarten Zeitpunkt gelieferte Ware stört die Produktion nicht. Dank Pünktlichkeit braucht es kein unnötiges Nachfragen, kein mühsames Abklären, kein aufwändiges Koordinieren oder kein kostspieliges Improvisieren. Die Einhaltung von Terminen und Fristen erlaubt also ein effizientes, zuverlässiges Arbeiten. Auch in Norwegen legt man grossen Wert auf Pünktlichkeit. Die unzähligen Fähren im Land fahren gemäss Fahrplan und vereinbarte Termine werden eingehalten. Pünktlichkeit gilt auch unter den Norwegern als höflich.

Etwas anders sieht es aber auf den norwegischen Baustellen aus. Das wurde uns auf der diesjährigen Auslandreise von Infra berichtet, wo wir bei der Stadt Stavanger eine Tunnelbaustelle besichtigten. In der Bauwirtschaft sei es üblich, immer und überall zwei Wochen dazu zu rechnen, unabhängig davon, ob es sich um eine Vertragsunterzeichnung oder eine Lieferung von Baumaterialien handelt. An diesen Gepflogenheiten stören sich höchstens unerfahrene Schweizer Bauunternehmer, nicht aber erfahrene norwegische Tunnelbauer. Gross ist die Freude in Norwegen, wenn bei einem Bauprojekt ein Termin entgegen aller Erwarten mit weniger als zwei Wochen Verspätung oder gar pünktlich eingehalten wird.

Die unzähligen Termine, die ein Bauprojekt mit sich bringt, bergen also das Potenzial für entsprechend viel Freude auf allen norwegischen Baustellen zwischen der Südküste und dem Nordkap. Womöglich liegt darin der tiefere Grund, weshalb die Norweger laut diversen internationalen Studien zu den glücklichsten Menschen der Welt gehören. Denn Zeit ist eben immer relativ.