Kurz-Lätz im politischen Hosenlupf

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Haben Sie die beiden auch gesehen, den Sempach Matthias und den Stucki Christian? Wie sie beide im Rund des Sägemehls standen. Einander fest im Griff. Höchste Konzentration und Anspannung. Waren Sie selber in Burgdorf in der Emmental-Arena, unter den gut 52‘000 Zuschauerinnen und Zuschauer? Oder haben Sie den Schlussgang des diesjährigen Eidgenössischen Schwing- und Älplerfestes wie fast eine Million andere am Fernseher mitverfolgt?

Endlosscheinende 11 Minuten schoben sich die beiden Berner Schwergewichte, 108 kg der Sempach und 142 kg der Stucki, über den Kampfplatz. Einmal wurde der Leichtere vom Schwereren vom Boden abgehoben. Doch dieser parierte den Angriff gekonnt. Nichts passierte. Beide taktierten. Die Schweiz verfolgte gebannt jede Bewegung.

Noch vor wenigen Jahren vermochte unser Nationalsport gerade mal ein leichtes Lüftchen in landwirtschaftlichen Zeitschriften und in lokalen Blättern zu erzeugen. Dagegen ist ein heutiges Eidgenössisches eher ein medialer Tropensturm. Edelweisshemden sind plötzlich chic, Sägemehl riecht auf einmal gut.

Wenn eine Veranstaltung so an Popularität gewinnt wie das Eidgenössische Schwingfest, dann ist der Aufmarsch der Polit- und Cervelatprominenz garantiert. Wo die Fernsehkameras hinzielen, sind meistens auch die Politikerinnen und Politiker nicht weit. Und so konnte man natürlich auch vor und in der Emmental-Arena ein paar Volksvertreter antreffen.

Was die beiden Athleten während den ersten Minuten im Sägemehl zeigten – ein Hin und Her, ein Gezerre, kein Abrücken von den Positionen, ein Taktieren und Hinauszögern – gibt es gelegentlich auch in der Politik zu beobachten. Nur ja nicht verlieren! Wie in der Politik, so kam auch in Burgdorf die Entscheidung plötzlich und schnell. Mit einem Fussstich brachte der 27-jährige Sempach den um ein Jahr älteren Stucki zu Boden. Technisch perfekt.

Beim Schwingen weit häufiger als der Fussstich kommt der sogenannte «Kurz» zur Anwendung. Dabei reisst sich der Schwinger seinen Gegner mit leicht nach rechts gedrehtem Körper auf sein Knie, schüttelt ihn dann ab und wirft ihn auf die rechte Seite ins Sägemehl. Der Gegner seinerseits kann versuchen, sich mit einer Knieparade zu verteidigen. Ein gekonnter Schwinger reagiert aber postwendend, verlagert das Gewicht und wirft den überraschten Gegner statt nach rechts einfach nach links. Diesen Schwung nennt man dann «Kurz-Lätz».

Wahre Könige wissen, in welchem Bruchteil einer Sekunde ein rascher Wechsel von Kurz auf Kurz-Lätz, also von rechts auf links, angebracht ist. Durch Talent und Training beherrschen sie die Technik aus dem Effeff. Was für den Sägemehlring gilt, trifft auch für die Politarena zu. Spätestens bei den nächsten Wahlen werden wir das sehen.