Freihandel in der Znüni-Pause

Publikationen > Kolumnen > Freihandel in der Znüni-Pause

Im Vorfeld wirtschaftspolitischer Abstimmungen – und solche hatten wir in letzter Zeit ja einige – wird regelmässig darüber spekuliert, ob die Vorlage die unternehmerische Freiheit eingrenzt oder nicht. Manchem scheint die Diskussion um mehr Staat oder weniger Staat oft etwas gar akademisch. Erst recht dann, wenn die konkreten Auswirkungen eines Entscheids nicht oder nur vage abzuschätzen sind. So wird über wirtschaftspolitische Vorlagen oft nicht auf der Grundlage sachlicher Argumente entschieden, vielmehr sind die politische Grundhaltung oder einfach das Bauchgefühl ausschlaggebend.

Ich habe mich in diesem Zusammenhang schon oft gefragt, ob der Mensch von Natur aus wohl eher liberal oder eher interventionistisch veranlagt ist. Wissenschaftliche Studien dazu wurden gemacht, die Resultate sind aber weder eindeutig noch zweifelsfrei. Bei einem Gespräch mit meinem Sohn – er besucht seit bald zwei Jahren den Kindergarten in Wädenswil – stellte ich fest, dass zumindest Kinder dem Freihandel nicht abgeneigt scheinen.

Das Lehrstück über den Freihandel spielte sich in der Znünipause ab. Ein Junge hatte eine besondere Delikatesse, nämlich Erdbeeren mitgebracht. Er war durchaus bereit, ein paar seiner Erdbeeren an die anderen abzutreten. Doch nur, wenn er im Gegenzug Kekse bekam, welche ein Mädchen von zuhause mitgenommen hatte. Dieses Mädchen hatte jedoch keine Lust auf Erdbeeren. Es zog es vor, seine überzähligen Kekse an ihre beiden besten Freunde zu verschenken. Diese nutzten die Gunst der Freundschaft und tauschten die geschenkten Kekse gegen einige Erdbeeren des Jungen ein.

Am Schluss waren alle zufrieden: Das Mädchen war glücklich, seine besten Freunde beschenkt zu haben, der Junge mit den Erdbeeren kam zu seinen Keksen und die anderen beiden erhielten die begehrten Erdbeeren.

Menschen sind, das zeigt die Geschichte im Kindergarten meines Sohnes, offenbar sehr wohl fähig, ohne strikte Vorgaben einvernehmliche Lösungen zu finden. Man stelle sich vor, was passiert wäre, hätte die Kindergärtnerin diesen Handel organisieren müssen. Erstens wäre sie möglicherweise gar nicht auf die Lösung gekommen und zweitens wären sicher nicht alle Kinder zufrieden gewesen. Spätestens bei der nächsten wirtschaftspolitischen Abstimmung wird mich die Erinnerung an die Kindergarten-Znünipause in meiner liberalen Grundhaltung bestätigen.