Der Gotthardtunnel im Sandkasten

Publikationen > Kolumnen > Der Gotthardtunnel im Sandkasten

Das Vatersein bringt die angenehme Pflicht mit sich, seinen Nachwuchs hie und da auf einen öffentlichen Spielplatz begleiten zu dürfen. Anfangs Juli gehörte auch ich zu den glücklichen Vätern. Während sich mein Sohn an Rutsche, Schaukel und Kletterturm nützlich machte, setzte ich mich mit einer Zeitung auf eine Bank direkt beim Spielplatz. Von dort hatte ich freie Sicht auf die Aktivitäten meines Kindes sowie auf den Sandkasten. Letzterer Umstand sollte sich bald als recht unterhaltsam herausstellen.

Im Sand waren nämlich gerade zwei Jungs am Werk. Beide nicht älter als 5 oder 6 Jahre. Sie hatte sich mit Schaufeln und Eimern eine Landschaft aus Hügeln, Strassen und Tunnels in den Sand gebaut. Hoch konzentriert ging die Arbeit voran. Aber noch ehe ich meine Zeitung aufschlagen konnte, nahte auf zwei Beinen und vier Rädern das Unheil: Der Vater des einen Sand-Baumeisters mit dessen kleinem Bruder in einem Buggy. Die Freude der beiden im Sandkasten über den Besuch hielt sich in Grenzen. Ganz anders beim kleinen Bub. Dieser wollte sofort beim Sandkastenspiel mitmachen und kletterte aus seinem Wagen. Die Katastrophe nach ihren Lauf.

Auf neugierige Blicke verzichtet man gerne, wenn sich die eigenen Kinder in die Haare geraten. Ich fühlte also mit dem jungen Vater mit. Darum tat ich so, als sähe ich nicht hin und öffnete meine Zeitung. Doch an ein Wegschauen war längst nicht mehr zu denken. Denn der Streit war nun vollends entbrannt. „Ich will auch!“, schrie der Kleinste. Er erfasste die Situation: Drei Kinder, zwei Schaufeln. Und die grösseren wollten ihr Werkzeug um keinen Preis hergeben. Also stapfte er los und zertrat die Bauwerke, insbesondere die beiden Tunnels, mit lautem Gebrüll. „Wenn ich nicht Tunnels bauen darf, dann dürft ihr das auch nicht!“ Die beiden älteren Knaben begannen zu heulen. Der Vater versuchte, schlichtend einzugreifen. Es nützte jedoch nichts. Er packte seine beiden weinenden Söhne, setzte den Kleineren in den Buggy, nahm den Grösseren an der Hand und zog von dannen.

Der Sandkasten blieb verlassen und verwüstet zurück. Ich öffnete nun also endlich meine Zeitung und las: Verschiedene Kantone aus der West- und Ostschweiz künden Widerstand gegen den Bau eines zweiten Strassentunnels am Gotthard an. Sie befürchten, dass mit dem Gotthard zu wenig Geld für die Projekte in ihren Regionen bleibt. Erst wenn ihre Projekte gesichert seien, könne man über eine zweite Gotthardröhre diskutieren.

Aha! Wie die Kleinen, so die Grossen. Ich schloss die Zeitung und schaute meinem Sohn beim Schaukeln zu.