Anti Feerukt

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Mein siebenjähriger Sohn bastelte mir letztes Jahr einen Adventskalender. Er hatte mir dazu für jeden Tag im Advent ein kleines Geschenk vorbereitet. Einmal erhielt ich einen Gutschein. Zugegeben, anfangs begriff ich nicht ganz, wozu dieser Gutschein gut sein sollte. Er bestand aus einem Stück Papier, auf das mein Sohn zwei Gesichter gezeichnet hatte, ein lachendes und ein trauriges. Das traurige war rot durchgestrichen. Unter den beiden Gesichtern stand in grossen Lettern «ANTI FEERUKT».

Vorsichtig erkundigte ich mich bei meinen Sohn, was ich denn nun mit diesem Gutschein bekommen hätte. Breitwillig klärte er mich auf: Ich könne diesen Gutschein einlösen, wenn er schlechte Laune habe. Dann wäre er auf einen Schlag wieder fröhlich und zufrieden und würde mir nicht weiter auf die Nerven gehen. Ein toller Gutschein!

Das wäre was für die Bauwirtschaft, dachte ich mir sofort. Bei jedem Projektstart bekämen der Bauherr, der Bauleiter und der Bauunternehmer je einen solchen «ANTI FEERUKT»-Gutschein. Jeder könnte seinen Gutschein während der Bauzeit einmal einsetzen. Der Bauunternehmer zum Beispiel dann, wenn der Bauherr aus formellen oder anderen, unbekannten Gründen nicht über Nachträge diskutieren will. Der Bauherr beispielsweise, wenn ihm der Bauunternehmer wichtige Nachweise oder Unterlagen nicht rechtzeitig liefert. Der Gutschein würde den andern nicht etwa zum Einlenken zwingen. Er würde lediglich verlangen, dass man sich anständig und unvoreingenommen mit dem Anliegen des Gegenübers auseinandersetzt. Da jeder nur einen einzigen Gutschein hätte, müssten alle sorgfältig abwägen, wann es sich lohnt, ihn einzulösen.

Wäre ein solcher «ANTI FEERUKT»-Gutschein nicht ein ausgezeichnetes Mittel, um die Zusammenarbeit auf den Baustellen zu verbessern?

Den Gutschein meines Sohnes habe ich übrigens bis heute noch nicht eingelöst. Ich werde den Zeitpunkt äusserst sorgfältig auswählen.