Wir Infrastrukturbauer können einiges bewirken

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Claudio Giovanoli präsidiert seit Ende April lnfra Suisse. lm Gespräch verrät er, wie er eigene Spuren legen möchte und welche Leistungen lnfra Suisse in der Vergangenheit bereits gelungen sind.

Die Weko hat zahlreiche Bauunternehmungen in der Schweiz angeklagt, vor allem Graubünden stand in diesem Zusammenhang medial im Fokus. Was sagen Sie dazu?
lch, als Claudio Giovanoli und als Geschäftsführer einer von der Weko gebüssten Bauunternehmung, bin der festen Überzeugung, dass wir uns der Vergangenheit stellen müssen. Schonungslos. Auch wenn es unangenehm ist. lch persönlich und lnfra Suisse bekennen sich klar und vorbehaltlos zum offenen, fairen und transparenten Wettbewerb. Gesetzeswidrige Verstösse sind zu ahnden. Diese Haltung müssen wir in unserer Branche weiter stärken. Nur so gewinnen wir das Vertrauen der Öffentlichkeit, unserer Kunden, Partner und Mitarbeitenden zurück. Das ist ein weiter Weg. Wir müssen ihn gehen. Wer noch nicht damit begonnen hat, sollte es schleunigst tun. Dafür setze ich mich mit meiner Überzeugung und Erfahrung ein.

Was hat Sie gereizt, das Präsidium von Infra Suisse zu übernehmen?
Mein Herz schlägt für den Grosstiefbau. Meine beruflichen Wurzeln habe ich im Tunnelbau. Der lnfrastrukturbau hat viel mit den Menschen zu tun. lm Vorstand von lnfra Suisse habe ich mich bereits engagiert und konnte miterleben, welchen Einfluss wir haben können. Diesem engagierten Gremium als Präsident vorstehen zu dürfen, ist Motivation und Ehre zugleich. Die Fussstapfen von Urs Hany sind gross. Es gilt nun, eigene Spuren zu hinterlassen

Ihr Vorgänger, Urs Hany, hat der Schweizer Bauwirtschaft erzählt, Sie seien bestens in Bern eingeführt. Ist das so?
Urs Hany hat mir die Türen zu zahlreichen Verantwortungsträgern geöffnet. Es liegt nun an mir, diese Kontakte zu pflegen, zu intensivieren und so ein persönliches Netzwerk
aufzubauen.

Planen Sie eine politische Aktivität?
Aktuell konzentriere ich mich ganz klar auf das Präsidium bei Infra Suisse und auf meine Tätigkeit als Geschäftsführer bei der Lazzarini AG.

Wie sehen Sie die Zusammenarbeit mit dem SBV?
Infra Suisse und der SBV gehören und arbeiten zusammen. Während der SBV die ganze Breite des Bauhauptgewerbes vertritt, fokussiert sich Infra Suisse auf den Infrastrukturbau. Dort sind unsere Aufgaben und Kompetenzen, dort haben wir den Lead.

Voraussichtlich im Herbst wird der Bundesrat die Botschaft zum nächsten Ausbauschritt der Bahninfrastruktur ans Parlament überweisen. Bereits konkreter ist der NAF: Bis zum Jahr 2030 will der Bundesrat rund 13 Milliarden Franken in die Nationalstrassen investieren. Übernehmen Sie das Infra Suisse-Präsidium zu einem Zeitpunkt mit einer sehr guten Auftragslage?
Durchaus. Auch wenn die Bedingungen nicht immer einfach sind, so ist die Auslastung von Infrastrukturbauer, Planer und anderen Leistungserbringern aus diesem Marktumfeld doch gut.

Was bereitet lhnen Sorgen?
Dass wir heute einen Bahn- und einen Strassenfonds mit entsprechenden Entwicklungsprogrammen haben, zeigt wie wichtig leistungsfähige Verkehrsinfrastrukturen für unser Land sind. Aus den grossen Plänen müssen in nützlicher Frist reale Bauwerke werden. Komplizierte und langwierige Einspracheverfahren sind da ein Problem. Zudem gilt es, auch den Werterhalt bestehender lnfrastrukturen nicht zu vernachlässigen. In der Verantwortung sind sowohl der Bund und die Kantone, aber natürlich auch die Gemeinden. Ein weiteres Anliegen ist die Gewichtung von Preis und Qualität bei öffentlichen Beschaffungen. lnfra Suisse ist der Meinung, der Auftrag soll an das «wirtschaftlich vorteilhafteste Angebot» gehen. Wir Unternehmen haben demzufolge transparent begründete Vergabeentscheide zu akzeptieren, auch wenn diese nicht das billigste Angebot berücksichtigen.

Der wichtigste Kunde der lnfrastrukturbauer ist die öffentliche Hand. Gibt es bei dieser Zusammenarbeit Themen, bei denen Handlungsbedarf besteht?
Eigentlich haben wir das gleiche Ziel: Projekte im Auftrag und im Dienste der Gesellschaft zu realisieren. Dass man dabei nicht immer einig ist, liegt in der Natur der Sache. Entscheidend ist für mich, wie wir mit Schwierigkeiten umgehen. Für jedes Problem eine neue Regel oder einen Vertragszusatz zu schaffen, ist nicht die Lösung. lch empfehle darum, frühzeitig den Blickwinkel der Unternehmer mit einzubeziehen. Das geht etwa, wenn man lnfra Suisse mit ins Boot holt.

Strassenbaustellen, die für eine Behinderung des Verkehrsflusses sorgen, sind unbeliebt. Nicht selten regt sich Widerstand. Eine Tatsache, die lnfrastrukturbauer hinnehmen müssen oder sehen Sie mögliche Gegenmassnahmen?
Dass sich Menschen ärgern, wenn sie vor einer Baustelle stehen, ist verständlich. Gleichzeitig haben aber wir alle grosse Erwartungen an den Zustand unserer Strassen. Wir Bauunternehmer versuchen natürlich, die Einschränkungen des Verkehrs so gering wie möglich zu halten. Stark befahrene Strecken werden denn auch immer häufiger nachts saniert. Das ist für uns eine organisatorische Herausforderung. Und darum brauchen wir dringend flexiblere Arbeitszeiten.

lnfra Suisse beschäftigt sich eingehend mit der Digitalisierung im lnfrastrukturbau. Wo sehen Sie die Chancen?
Die Digitalisierung hält im Infrastrukturbau schon länger Einzug und gewinnt in Bereichen wie Kalkulation, Arbeitsvorbereitung, Maschinensteuerungen, Ausmassermittlung, Einsatzplanung oder Logistik aber auch mit BIM an Bedeutung. Dank der Digitalisierung können die Bauunternehmen Daten durchgängig, automatisiert und nutzbringend einsetzen. Das sind Chancen, die wir zu unserem Vorteil nutzen müssen.

Wo sehen Sie die Gefahren beziehungsweise die Herausforderungen der Digitalisierung?
Die digitale Unterstützung ist ein Hilfsmittel, das uns Menschen dient, um effiziente, durchgängige und ganzheitliche Prozesse zu entwickeln. Das verlangt Innovation und Anpassungsfähigkeit. Diese sind vielleicht nicht bei allen gegeben. Eine weitere Herausforderung sehe ich bei den rechtlichen Vorgaben, den Vertrags- oder Normenwerken. Diese dürfen die neuen Möglichkeiten nicht behindern. lnfra Suisse engagierte sich schon früh bei Bauen digital Schweiz und versteht sich bei der Digitalisierung heute als Themenführerin im lnfrastrukturbau.

Wo setzten Sie den Schwerpunkt lhrer Präsidentschaft?
Für mich steht das Mitglied von lnfra Suisse im Mittelpunkt. Was sind die Bedürfnisse der lnfrastrukturbauer? Was sind ihre Sorgen? Weiter will ich mich dafür einsetzen, dass nicht nur Ausbauprogramme geschrieben, sondern Projekte tatsächlich realisiert werden.

Wo sehen Sie die derzeitigen Baustellen bei Infra Suisse selber?
Diese Frage ist bestimmt positiv gemeint. Baustellen sind ja etwas Positives! Doch im Ernst: Ich bin noch ziemlich neu im Amt. Und was ich bis jetzt gesehen habe, ist nicht dringend sanierungsbedürftig. Doch natürlich werde ich zusammen mit dem Vorstand und der Geschäftsstelle Infra Suisse weiterentwickeln.

Wie bringen Sie Ihre Verbandstätigkeit mit der beruflichen Tätigkeit unter einen Hut?
Dies ist, zugegeben, nicht einfach. Als Geschäftsführer einer KMU muss ich mich gut organisieren. Der Rückhalt in meiner Unternehmung, die starke Geschäftsstelle und die Unterstützung des Vorstandes waren für mich wichtige Voraussetzungen, das Amt anzunehmen.

Wie finden Sie lhren Ausgleich zum Beruf und zur Verbandstätigkeit?
Zuhause mit meiner Frau kann ich mich entspannen und Kräfte tanken. Am Herzen liegt mir unser kleiner Zoo mit Katzen, Hund, Zwergziegen und Pferden. lch engagiere mich in Vereinen und im Rettungsdienst für Tiere und schätze das gesellige Beisammensein mit Kollegen aus dem Turnverein, der Studentenzeit oder der Jassrunde.

Zum Schluss: Wo wird lnfra Suisse in fünf Jahren stehen?
lnfra Suisse muss seine Position als Vertreter der Interessen der lnfrastrukturbauer sowohl in der Branche als auch bei den Bauherren und Planern weiter stärken. Wir müssen uns mit unseren Partnern vernetzen, eigene ldeen entwickeln und mithelfen, unsere Branche voranzubringen. lch bin zuversichtlich, dass uns dies gelingt. Wir lnfrastrukturbauer können etwas bewirken.

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